Man sieht sich immer zweimal im Leben ...

 

 

 

Es hatte geklingelt.

 

„Endlich ist die Pause zu Ende“, dachte sich Mario. Er war ein fünfzehnjähriger Teenager, der ziemlich unter seinem Übergewicht litt. Bei einer Größe von einem Meter siebzig brachte er mehr als einhundert Kilo auf die Waage: Viel zu viel für einen Teenager seines Alters. Es hatte vor drei Jahren angefangen, als sich seine Eltern getrennt hatten. Dieses Leiden, welches er zu dem Zeitpunkt verspürt hatte, war immerfort geblieben. Mario versuchte seither, es mit Essen auszugleichen. Es machte ihn glücklich, wenn er alles, was er mochte, in sich hineinstopfte – doch nur so lange, bis sich das schlechte Gewissen bei ihm meldete. Für seine Völlerei zahlte er einen sehr hohen Preis. Es gab da Mitschüler, die es einfach nicht lassen konnten, ihm jedes Mal eins reinzuwürgen. Er wurde gemobbt und somit dazu gebracht, immer wieder zu essen. Zum Glück war da noch Mary. Sie war seine beste Freundin, stets auf seiner Seite, doch gegen die Hänseleien und das Mobbing der anderen kam selbst sie nicht immer an. Die Lehrer wusste von den Gemeinheiten, schauten jedoch des Öfteren weg, weil sie nicht viel gegen das auszurichten vermochten, was da passierte. Sie hatten wahrscheinlich Angst, irgendwann selbst Opfer zu werden. Was für Versager!

 

Zu seinem sechzehnten Geburtstag überlegte sich Mary etwas Besonderes. Nicht ins Kino, wo Mario schnell an Popcorn und die süße Cola käme – nein, diesmal hatte sie etwas anderes im Programm.

 

„Ich hoffe nur, dass es ihm gefällt“, sagte Mary zu ihrer Mutter, die dabei war, einen Gutschein für Mario zu verpacken.

 

„Ich bin mir sogar ganz sicher, dass es ihm gefallen wird, doch ich bezweifle sehr, dass es klappen wird, Liebling“, erwiderte ihre Mutter.

 

Mary starrte ihre Mutter an, versuchte zu lächeln.

 

„Immer positiv denken! Weißt du noch, Mama? Das hast du mir beigebracht!“

 

„Ja, Mary, immer positiv denken! Und nun geh, sonst kommst du noch zu spät.“

 

Mary machte sich auf den Weg zur Schule. Was sie jedoch dort wieder erleben musste, trieb ihr die Tränen in die Augen.

 

„Happy Birthday, Fettklops! Na, was gibt es denn heute zum Fraß? Bestimmt viel und alles nur für dich! Du siehst aus wie ein Walross, das hier bei uns gestrandet ist und nicht mehr zurückfindet.“

 

Robert, alias „ROBI“, beschimpfte den armen Mario, der sich an dem Cliquenchef und seinen fünf Möchtegern-Bodyguards vorbeiquetschen wollte. Doch es gelang dem gemobbten Jungen nicht. Einer der fünf stellte Mario einen Fuß und der Ärmste stolperte direkt in das vor ihm befindliche Gebüsch. Mario richtete sich auf und ging, wie jedes Mal, ohne ein Wort weiter.

 

„Halt die Klappe und lass ihn endlich in Frieden“, kreischte Mary Robert an und schubste ihn zur Seite.

 

„Ah, Prinzessin, komm lieber zu uns. Was willst du mit ihm?“